Geschichte der ehemaligen Gemeinde Stein

Folgende Informationen zur Geschichte der ehemaligen Gemeinde Stein wurden größtenteils den Büchern „Traunreut im Chiemgau“ von Peter T. Seeholzer und „Die Gemeinde Stein“ von Hans-Jürgen Schubert entnommen.

Die Hofmark Stein bis 1926

Das heute noch gut erkennbare umfangreiche Gräberfeld im Osten des Dorfes weist auf eine längere Besiedelung von Hallstattleuten im 8. bis 6. Jahrhundert v. Chr. hin. Die umliegenden Orte sind bajuwarisch besiedelt oder in der Rodungszeit entstanden. Um 1140 werden die Herren von Stein erstmals urkundlich genannt. Neben dem Geschlecht der Toerringer, das fast 500 Jahre in Stein ansässig war, haben noch andere adelige Familien das Gesicht von Dorf und Schloss geprägt. Die Anfänge der Hofmark Stein, die um 1558 zum ersten Mal bezeugt ist, dürften sicherlich wesentlich weiter, vielleicht sogar bis zu den Herren von Stein zurückreichen. Die Hofmark Stein war ein adlig verwalteter Bezirk mit niederer Gerichtsbarkeit. Ihre Grenzen zogen sich von Nock über Roitham und Höhenberg im Norden, nach Reit, Gigling und Steineck im Osten gegen die Poschmühle und St. Georgen im Süden hin. In ihrem Bereich befanden sich um 1760 88 Güter, von denen zwei den Klöstern gehörten. Die meisten Güter standen in herrschaftlichen Diensten. Die einzelnen Höfe wurden im Erbrecht an die Untertanen verliehen.
Im Zuge der Steuervermessung von 1808 wurde die Hofmark zugleich Steuerdistrikt und bei der Gemeindebildung im Juni 1818 ging lediglich Nock an Altenmarkt. Mit der Erhebung zur Gemeinde war auch das Amt des Vorstehers, später Bürgermeisters, verbunden.
Die circa 530 Einwohner blieben bis 1848 adelige Grunduntertanen. Um 1900 wohnten im Gemeindegebiet von Stein 700 Leute. Die Sitzungen des Gemeindeausschusses wurden im Schulhaus in St. Georgen abgehalten. 1920 sah sich der Ausschuss genötigt, ein Zuzugsverbot für das Gemeindegebiet zu erlassen, der vorhandene Wohnraum wurde beschlagnahmt und von der Gemeinde zugeteilt. Die Einwohnerzahl stieg von 1900 bis 1925 um rund 50 Prozent an.

Die Gemarkung Haßmoning bestand aus Dörfern, Weilern und Einöden, die meist Siedlungen bajuwarischer Familien ab dem 6. Jahrhundert waren. Mit der Einteilung des Landes in Gerichts- und Steuerbezirke entstand nach 1400 die Hauptmannschaft Haßmoning. Diese Hauptmannschaften waren kleinste militärische und steuerliche Verwaltungseinheiten. 1760 umfasste Haßmoning 43 Güter, alle Höfe waren in geistlichem Besitz, der sich auf die Chiemgauer und Salzburger Klöster sowie die Kirchen Irsing und St. Georgen aufteilte und die Orte Attenmoos, Diepling, Ginzing, Haßmoning, Hinterwies, Hörpolding, Irsing, Narnberg und Neudorf einschloss.
Bei der Säkularisation wurden auch die alten Hauptmannschaften aufgelöst und eine neue Gemeinde Haßmoning gebildet, die 1807 etwa 180 Einwohner hatte, und die bis 1900 auf zirka 260 Seelen zunahm.

Stein gemeindet Haßmoning ein

Die ab 1919 geforderte Selbstverwaltung und die seit langem drängenden, beengten Schulverhältnisse bewogen die Gemeindeväter von Stein dazu, den Zusammenschluss der am Schulsprengel beteiligten Gemeinden zu betreiben, doch holte man sich 1922 eine Abfuhr von den Haßmoningern, die sich auf keine Fall den Vorstellungen der „Hofmärkischen“ beugen wollten.
Der Schuss ging freilich nach hinten los: Das Verwaltungsgericht München gab am 12. Dezember 1924 den Steinern recht, die Gemeinde Haßmoning wurde aufgelöst, außerdem erhielt die Gemeinde Stein noch Teile der Gemeinde Pattenham (Epping, Neugaden, Siglreith und Walding). Dieses Gebiet deckte sich im Wesentlichen mit dem der Pfarrei und des Schulsprengels, und St. Georgen wurde ab 1926 neben dem Pfarr- auch noch der Verwaltungssitz der neuen Gemeinde.
Der schon jahrzehntelang ersehnte Schulhausbau wurde allerdings dann auch noch durch die Inflation hinausgezögert und konnte erst 1933 vollendet werden. Die Gemeinde Stein blieb von der allgemeinen Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Steuerknappheit nicht verschont. Nur mit Mühe konnte man den 1926 erworbenen Gemeindewald halten, die Gemeindeumlage musste ständig angehoben werden, bis sie zu den höchsten in ganz Bayern zählte.
Der zweite Weltkrieg brachte auch nach Stein einen Strom von Flüchtlingen, die neben den Evakuierten aus den bombardierten Städten eine Bleibe suchten. Bürgermeister Lorenz Brandl, der die Chancen erkannte, unterstützte tatkräftig die Gründung einer neuen Gemeinde in der Muna St. Georgen, die dann 1950 erfolgte.
Die Gemeinde Stein meisterte in den darauf folgenden Jahrzehnten ihre Probleme zur Zufriedenheit ihrer Bürger. Sie wies Baugrund aus für den beständigen Zuzug, schuf eine Infrastruktur, baute einen gemeindeeigenen Kindergarten und eine kommunale Kläranlage, alles außerordentliche Leistungen einer Kommune ihrer Größe und Steuerkraft. Sie zählte schließlich zu den fortschrittlichsten Gemeinden in Bayern.
Die Steiner waren mit Recht stolz auf ihre Gemeinde, deren tüchtige Verwaltung im neu renovierten Rathaus residierte. Über seiner Eingangstür prangte das 1952 angenommen Gemeindewappen. Es zeigt ein springendes silbernes Pferd als Sinnbild für den Georgiritt und damit den Pfarrort, das oben und unten von einer silbernen Rose aus dem Wappen der Törringer zu Stein begleitet wird.
Die 1933 errichtete Volksschule St. Georgen wurde 1964 ausgebaut und mit dem Neubau einer Turnhalle in den Jahren 1964 bis 1966 wurde eine weitere Lücke im Schulbetrieb geschlossen. 1993/94 erfolgte schließlich der Ausbau zur heutigen Grund- und Hauptschule.

Die kommunale Gebietsreform

Aber bei der Gebietsreform schlug auch der Gemeinde Stein die letzte Stunde der Selbstständigkeit, sie scheiterte im Grunde nur an der – für den Richtwert von 5000 – zu knappen Einwohnerzahl. Nicht etwa die Forderungen der Stadt Traunreut, sondern der Spruch des Verwaltungsgerichts brachte die Eingemeindung in die Stadt. Mit 20,44 qkm Fläche und 2736 Bürgern wurden die Gemarkungen Stein und Haßmoning schließlich am 1. Mai 1978 Teil der Stadt Traunreut.
160 Jahre Gemeindegeschichte waren zu Ende gegangen. Dass das nicht ohne Schmerzen vorbeiging, ist selbstverständlich. Der letzte Bürgermeister von Stein/St. Georgen, Paul Obermeier, hatte bis zuletzt um die Selbstständigkeit seiner Gemeinde gekämpft. Bei der Eingemeindung im Zuge der kommunalen Gebietsreform im Jahr 1978 erhielt die damals noch sehr junge Stadt Traunreut nicht nur die für ihre Entwicklung notwendigen Gebietsgewinne, sondern auch eine höchst wünschenswerte bayerische Tradition.
Eines der gravierendsten Probleme der damals jungen Stadt Traunreut war der Mangel an Gemeindegrund zur Ausweisung von Bauland. Nach der Eingemeindung von Stein und Traunwalchen sowie Teilen von Pierling wuchs die Fläche der Stadt um 4 601 Hektar. Traunreut hatte vor der Eingemeindung 12 502 Einwohner, danach stieg die Einwohnerzahl mit einem Schlag auf 18 245.
Inzwischen ist viel Zeit vergangen und die Bürger der ehemaligen Gemeinde Stein werden als Bürger der Stadt Traunreut geschätzt, wenn sie sich auch tief im Herzen noch immer als Steiner verstehen. Ihre alten Traditionen halten sie nach wie vor hoch, wie etwa den jährlichen Georgiritt von Stein nach St. Georgen.